Selbstreflexion – warum eigentlich und wie du sie ganz leicht an fünf Fingern abzählst

von | 1. Juli 2022 | Selbstmanagement | 0 Kommentare

Bild von Frau am Schreibtisch, die versonnen nach oben schaut, mit Text „Selbstreflexion – warum eigentlich und wie du sie ganz leicht an fünf Fingern abzählst“

Bestimmt hast du schon mal gehört oder gelesen, dass Selbstreflexion gerade für uns Selbstständige besonders wichtig ist. Du sollst idealerweise deinen Tag Revue passieren lassen, auf deine Woche zurückschauen und natürlich auch zum Ende jedes Monats und jedes Quartals eine genaue Reflexion vornehmen. Nicht zu vergessen natürlich der große Jahresrückblick im Dezember! Es gibt unzählige Tools und Methoden zur Selbstreflexion und auch diverse Tagebücher, die dich bei deiner Rückschau unterstützen können.

Vielleicht fragst du dich, was das denn überhaupt bringen soll und wie du in deinem eh schon übervollen Kalender auch noch Zeit für regelmäßige Rückblicke und aufwendige Selbstreflexion unterbringen sollst.

Genau damit beschäftige ich mich in diesem Blogbeitrag. Dabei werde ich vor allem meine persönlichen Gedanken zum Thema mit dir teilen und dir unter anderem meine Lieblingsmethode für die Selbstreflexion vorstellen, die dich kaum Zeit kostet und ganz leicht „nebenbei“ erledigt werden kann.

Warum überhaupt Selbstreflexion?

Allein über diese Frage könnte man locker ein ganzes Buch schreiben. Ich beschränke mich hier auf ein paar Punkte, die ich gerade für uns Soloselbstständige besonders wichtig finde.

Kein Feedback von Vorgesetzten oder Kolleg*innen

Angestellte bekommen in ihrer beruflichen Tätigkeit immer wieder Feedback – sei es geplant, wie etwa in regelmäßigen Mitarbeitergesprächen, oder „nebenbei“ im Austausch mit Kolleg*innen. Als Soloselbstständige haben wir diese Möglichkeiten normalerweise nicht: keine Vorgesetzten, keine Kolleg*innen und somit keine Rückmeldungen aus dem direkten Arbeitsumfeld. Selbst unsere Kund*innen geben uns häufig nur dann Feedback, wenn wir gezielt danach fragen.

In meiner Heimat Bayern gibt es den Spruch „Ned gschimpft is globt gnua“, also „Nicht geschimpft ist genug gelobt“. Der Gedanke mag irgendwie tröstlich sein: Solang sich niemand beschwert, wird schon alles passen. Besonders hilfreich ist er aber nicht. Denn ohne konkretes Feedback bewegen wir uns ein wenig im luftleeren Raum: Wir wissen nicht, was wirklich gut läuft, was verbessert werden könnte, wo wir vielleicht in der falschen Richtung unterwegs sind.

Selbstreflexion als Korrektiv

Wenn wir also kein (oder zumindest wenig) konkretes Feedback von außen bekommen, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns selbst Feedback zu geben. Wir müssen uns die Fragen, die bei Angestellten im Gespräch mit Kolleg*innen und Vorgesetzten besprochen werden, selbst stellen und beantworten. Denn die Antworten dienen uns als Korrektiv – sie machen uns deutlich, wohin die Reise in unserem Business aktuell geht, ob wir auf dem Weg sind, den wir einschlagen wollten, oder ob wir uns vielleicht irgendwo vergaloppiert haben.

Einfach immer weiterzulaufen, ohne ab und an innezuhalten und zu überprüfen, ob der Weg noch richtig ist, ob die gewählten Methoden wirklich Erfolg bringen und ob wir uns auf die richtigen Dinge fokussieren, wäre eine echte Verschwendung von Zeit und Energie. Und für diese Überprüfung ist die Selbstreflexion ein sehr hilfreiches Mittel.

Erfolge wahrnehmen durch Selbstreflexion

Selbstreflexion hilft auch dabei, die eigenen Erfolge wahrzunehmen. Das ist ein Punkt, der nicht nur mir selbst, sondern vielen Menschen, die ich kenne, besonders schwer fällt: Wenn etwas gut gelaufen ist, betrachten wir das oft als normal, als selbstverständlich. Aufgabe erledigt, Vorhaben abgeschlossen, Haken dran, weiter geht’s.

Das führt dazu, dass uns negative Erlebnisse, nicht erledigte Vorhaben, offene Aufgaben viel präsenter sind als das, was uns gut gelungen ist, was wir erfolgreich abgeschlossen haben. Und das wiederum verzerrt unsere Wahrnehmung erheblich und kann dazu führen, dass wir denken, wir hätten überhaupt nichts geschafft.

Hier kann Selbstreflexion helfen, indem sie besonderes Augenmerk darauf legt, was gut gelaufen ist, was geklappt hat, was wir erreicht haben.

Wenn wir nun also davon ausgehen, dass Selbstreflexion sinnvoll und hilfreich ist, stellt sich als Nächstes die Frage, wie man dabei am besten vorgeht.

Wie funktioniert Selbstreflexion?

Auch zu dieser Frage gibt es unzählige Überlegungen, Handbücher, Methoden und Tipps. Ich habe ein paar grundsätzliche Gedanken und einige Methoden für dich herausgepickt, die mir wichtig erscheinen.

Ein fester Termin für den Rückblick

Wie bei allem, was man sich vornimmt, ist es auch beim Zurückschauen und Resümeeziehen wichtig, sich dafür einen festen Termin zu reservieren und den Rückblick zur Gewohnheit werden zu lassen. Viele Menschen nehmen sich beispielsweise abends vor dem Schlafengehen Zeit, auf den Tag zurückzublicken, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen oder auf ähnliche Weise zu reflektieren.

Im beruflichen Bereich könnte ein guter Zeitpunkt für den Tagesrückblick der Moment sein, bevor oder nachdem du den Computer ausschaltest. Je nach Methode für die Selbstreflexion lässt sich die Rückschau aber auch gut auf dem Heimweg in Bus oder Bahn durchführen. Oder zu jedem anderen Zeitpunkt, der für dich persönlich gut passt.

Schriftlich oder im Kopf?

Ob du deine Reflexion schriftlich machst oder nur im Kopf, hängt davon ab, was dir mehr liegt, an welchem Ort du Resümee ziehst und wie viel Zeit du dafür aufwenden möchtest.

Grundsätzlich hat das Aufschreiben den Vorteil, dass deine Gedanken dadurch konkreter werden und sich dir auch besser einprägen. Wenn du deine Rückblicke schriftlich machst, kannst du später zurückblättern und die einzelnen Tage noch einmal Revue passieren lassen. Das wiederum kann für größere Reflexionen, zum Beispiel am Ende des Monats, durchaus hilfreich sein.

Andererseits bedeutet das Aufschreiben aber auch mehr Aufwand. Wenn du merkst, dass sich dieser zusätzliche Aufwand für dich als Hürde erweist und dich davon abhält, überhaupt eine Rückschau zu machen, lass das Aufschreiben (erst mal) sein. Lieber denkst du regelmäßig „nur“ im Kopf über deinen Tag oder deine Woche nach, als gar nicht oder nur ganz sporadisch schriftlich zu reflektieren.

Vielleicht hilft dir auch eine Mischung aus beidem: schnelle Tagesrückblicke im Kopf und eine ausführlichere schriftliche Reflexion am Ende der Woche oder am Ende des Monats? Probier einfach aus, was für dich am besten klappt!

Aber wie macht man das nun konkret? Wie funktioniert Selbstreflexion?

Methoden zur Selbstreflexion

Auf der Suche nach gängigen Methoden zur Selbstreflexion sind mir diverse Vorschläge untergekommen, die ich mehr oder weniger hilfreich fand. Ein paar stelle ich dir hier vor.

Die SWOT-Analyse

Die von der Harvard Business School entwickelte SWOT-Analyse basiert auf einer Auswertung der eigenen Stärken (Strengths) und Schwächen (Weaknesses) sowie der externen Chancen (Opportunities) und Risiken (Threats). Diese werden in einer Matrix zusammengebracht und dann analysiert.

Das Vorgehen mag sehr hilfreich sein, wenn man die Ausrichtung seines Unternehmens intensiv analysieren möchte, für mich persönlich ist so etwas aber ehrlich gesagt viel zu abstrakt und zu kompliziert. Bevor ich mich da einarbeite, lasse ich es lieber bleiben. Ich brauche eine möglichst einfache, griffige Methode – sonst mache ich die Selbstreflexion nämlich überhaupt nicht.

Die Reflexionsspirale

Diese Methode zur Selbstreflexion von Terry Borton basiert auf drei Fragen, die man sich zum gewünschten Thema stellt:

  • What? bzw. Was?
    Hier überlegst du dir ganz allgemein, was passiert ist, was los war, worüber du konkret reflektieren möchtest.
  • So what? bzw. Was genau?
    Mit dieser Frage gehst du in die Tiefe: Was bedeutet das genau? Was steckt dahinter? Welche Vor- und Nachteile hatte das für dich?
  • What now? bzw. Was jetzt?
    Hier schaust du auf die Konsequenzen, überlegst, was daraus folgt, wie es weitergeht.

Mit diesen drei Fragen wird das Thema also genau durchdacht und reflektiert und auch gleich ein Plan für die weiteren Handlungen geschmiedet. Mir scheint diese Methode gut geeignet, um eine Situation, ein Ereignis, ein konkretes Thema zu reflektieren. Für einen allgemeinen Rückblick auf den Tag oder die Woche finde ich sie hingegen nicht so passend.

Das Filtermodell

Hilfreicher erscheint mir hierfür das Filtermodell (engl. Funneling) von Simon Priest und Michael A. Gass. Hier erfolgt die Reflexion auf sechs Ebenen, zu denen jeweils eine Fragen gestellt wird, nämlich:

  • Was war los?
  • Was ist gut, was ist schlecht gelaufen?
  • Welches Gefühl hatte ich dabei?
  • Was kann ich daraus lernen?
  • Welche Verbindung sehe ich zwischen dem, was passiert ist, und meinem zukünftigen Alltag?
  • Was werde ich konkret verändern? Wer oder was kann mir (wie) dabei helfen?

Diese Impulsfragen gefallen mir sehr gut, sie decken eigentlich alles ab, was ich bei einer Reflexion abfragen möchte. Damit kann ich beliebig tief in ein Thema reingehen, ohne dass es zu komplex wird. Allerdings brauche ich für so viele Fragen definitiv einen Spickzettel, damit ich an alles denke. 😉

Die 5-Finger-Methode

Hier kommt nun mein Lieblingsmodell zur Selbstreflexion ins Spiel. Es verwendet in weiten Teilen die Fragen aus dem Filtermodell, liefert aber gleichzeitig eine Eselsbrücke, mit der ich mir die Fragen gut merken und die Reflexion zur jeder Zeit und an jedem Ort durchführen kann. Denn bei diesem Modell wird jedem Finger eine Frage zugeordnet:

  • Daumen: Was ist gut gelaufen?
  • Zeigefinger: Was habe ich gelernt?
  • Mittelfinger: Was ist schlecht gelaufen?
  • Ringfinger: Wie habe ich mich gefühlt?
  • Kleiner Finger: Was ist zu kurz gekommen?

Hier kannst du dir die Erklärung der 5-Finger-Methode als Video ansehen, dann wird die Eselsbrücke noch deutlicher:

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Für mich ist die 5-Finger-Methode ebenso einfach wie hilfreich. Die fünf Fragen an den Fingern abzuzählen und durchzugehen kostet mich kaum Zeit und die Fragen eignen sich sowohl für konkrete Ereignisse oder Veranstaltungen wie auch für einen Tages- oder Wochenrückblick. Wenn du schriftlich damit arbeiten möchtest, kannst du deine Gedanken zu jedem Finger notieren und schon hast du eine gute Reflexion.

Die einzige Überlegung, die bei diesem Modell noch fehlt, ist: Was mache ich mit meinen Antworten? Was folgt aus der Reflexion? Das führt uns zum dritten und letzten Teil meines Artikels.

Wie geht’s dann weiter?

Selbstreflexion ist kein Selbstzweck. Es bringt dir nicht viel, nur über deinen Tag, deine Woche, dein letztes Quartal oder auch ein bestimmtes Ereignis nachzudenken, wenn du aus deinen Gedanken keine Erkenntnisse gewinnst und keine Konsequenzen ziehst.

Erkenntnisse gewinnen, Handlungen ableiten

Wichtig ist also, dass du dir nach jeder Reflexion überlegst, was du daraus ableiten kannst. Ich zeige dir das mal anhand der Fragen aus der 5-Finger-Methode:

  • Was ist gut gelaufen? → Warum war das so? Wie kann ich mir das für die Zukunft zunutze machen?
  • Was habe ich gelernt? → Was mache ich aus dieser Erkenntnis? Wie hilft sie mir weiter?
  • Was ist schlecht gelaufen? → Warum war das so? Wie kann ich das für die Zukunft besser machen oder verhindern?
  • Wie habe ich mich gefühlt? → Warum habe ich mich so gefühlt? Was bedeutet das?
  • Was ist zu kurz gekommen? → Wie kann ich diesen Dingen mehr Raum geben?

Vielleicht wirst du nicht jeden Tag zu jedem der Punkte eine große Erkenntnis gewinnen. Vielleicht gibt es Tage, an denen du dir denkst: „Hat alles prima gepasst so.“ Dann ist das natürlich auch eine gute Erkenntnis.

Du musst nicht nach jeder Selbstreflexion das Rad neu erfinden oder dein Business komplett umkrempeln! Es geht nur darum, deine Arbeit, deine Methoden, deinen Workflow, deine Ausrichtung immer wieder bewusst anzuschauen und bei Bedarf kleine Kurskorrekturen vorzunehmen.

Wenn es dir gelingt, aus einer Reflexion eine kleine Erkenntnis mitzunehmen, hat sich das Nachdenken doch schon gelohnt!

Vorhaben schriftlich festhalten und einplanen

Wenn du aus deiner Rückschau wichtige Erkenntnisse oder gar konkrete Handlungen ableitest, solltest du dir diese am besten aufschreiben. Hier gilt dasselbe wie bei allen Vorhaben, Aufgaben und Plänen: Durch das Aufschreiben erhält die Erkenntnis mehr Gewicht, das Vorhaben mehr Verbindlichkeit. Um die Dinge aufzuschreiben, musst du sie formulieren, dadurch werden sie konkreter. Und natürlich vergisst du sie auch weniger leicht, wenn du sie dir notierst.

Falls sich aus deiner Erkenntnis eine Aufgabe ergibt, nimm diese direkt auf deine To-do-Liste, in deine Aufgaben-App oder wo auch immer du anstehende Aufgaben verwaltest. So kannst du dein Vorhaben wie alle anderen Aufgaben einplanen und es gerät nicht in Vergessenheit. Auf diese Weise stellst du sicher, dass deine Reflexion auch Früchte trägt und nicht im reinen Nachdenken steckenbleibt.

Ich hoffe, meine Gedanken zur Selbstreflexion haben dir den einen oder anderen Impuls gegeben und dir auch die Scheu davor genommen, zurückzuschauen, Resümee zu ziehen und dich auf diese Weise zu hinterfragen und immer wieder neu auszurichten. Wenn du noch Fragen hast oder von deinen Erfahrungen mit der Selbstreflexion berichten möchtest, schreib mir gern in den Kommentaren.


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